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Freitag, 28. Juli 2017

Meet, Eat & Interview 2 - PEAK ART

CAROLINE MICAELA HAUGER

im Interview mit Lisa Lu

 
Matterhorn vom Stellisee 'STELLISEE I' 

Peak Art

Die Bergpanoramen der Schweizer Fotografin aus Zürich beeindrucken durch ihre bizarre Dramatik und wirken fast hyperrealistisch. Ihre Kompositionen zwischen Himmel und Erde sind eine Liebeserklärung an die schönsten Wolkenkratzer der Welt und zeigen den Menschen im Einklang mit der Natur. Alle Aufnahmen auf dieser Website sind als Fine Art Print oder als wetterfestes Holz-Unikat erhältlich.

The Swiss photographer Caroline Micaela Hauger is one of the rare women climbers, who visualizes and captures the most impressive summits in Switzerland and Europe. Peak Art catches the moments by avoiding clichés. Far removed from civilisation, her Art Work speakes an aesthetic language. The treasure is photography in sensual compositions: the perfect interplay of light, form and style. «My mountaineering gives me unique access to some of the most spectacular places on this planet. Breathtaking landscapes and mountaintops are a rich and wonderful source of inspiration.» 

WEBSEITE

 

"Ich war immer ein Citygirl. Das höchste, was ich bis vor sechs Jahren bestiegen hatte, war der Barhocker."


Gibt es eine bestimmte Begebenheit, welche ursächlich war, dass du mit deiner jetzigen Tätigkeit als Alpinistin und Bergfotografin begannst?

Obwohl ich den modernen Lifestyle liebe, in mir drin war diese Sehnsucht, Erinnerungsfetzen aus der Kindheit, wie wir mit den Eltern über Kuhweiden spazierten und auf der Alp campierten. Heute weiss ich: Die Berge sind mein Rückzugsort. Die Welt drehte sich jahrzehntelang immer schneller. Vielleicht wollte ich sie unbewusst anhalten und habe deshalb mit Wandern begonnen. Schon die erste Tour hatte es in sich. Ich brach alleine zur „Füdlibacke“ auf, ein Felsweg mit Kletterpassagen, die von der Seebodenalp hinauf zur Rigi Kulm führt. Ich hatte alles im Internet recherchiert, jede Weggabelung notiert. Nach einer Stunde stand ich wieder beim Parkplatz. Ich war im Kreis gelaufen. Es wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, um die Sache 'ad Acta' zu legen und sich ins warme Bett zu legen. Doch das liess mein Ego nicht zu, ich startete einen zweiten Versuch. Die Tour wurde immer „gächer“. Ich musste mich an Metallketten die senkrechten Nagelfluhwände hinaufhangeln. Eine falsche Bewegung und das wärs gewesen. Etwas unterhalb des Gipfels steht ein Bänkli mit einer grandiosen Aussicht auf Zuger- und Vierwaldstättersee. Als ich dort ankam, war ich fix und fertig. Gleichzeitig war ich stolz, die Herausforderung angenommen zu haben. Es war eine Reise in eine neue Dimension. Eine Woche später wagte ich den Trip nochmal, mit mehr Selbstvertrauen. Dieses Erlebnis bildete die Basis für alle Viertausender, vierzehn an der Zahl, die ich seither bestiegen habe, und die handvoll Fünftausender, darunter der Kilimandscharo und der Elbrus, zwei von sieben "Seven Summits".


Ich war so geflasht von der Kulisse,
dass innerlich ein Prozess stattfand



Wie kamst du auf die Idee, als Bergfotografin unterwegs zu sein?

Die Welt dort oben in eisigen Höhen ist der komplette Gegenentwurf zu meinem Alltag. Ich wurde süchtig. Jedes Wochenende fieberte ich neuen Touren entgegen, dabei spürte ich eine Leichtigkeit und Energie, wie nie zuvor in meinem Leben. Kein Training war mir zu viel, keine Anstrengung zu gross, kein Berg zu hoch. Dennoch habe ich meine Grenzen nie überschritten. Ich begegnete den Bergen und meinen Guides mit Offenheit und Respekt und verliess mich auf meinen Instinkt. Nach einem Jahr kam ich in der Königsklasse an, stand 2012 auf dem 4478 Meter hohen Matterhorn. Ich war so geflasht von der Kulisse, dass innerlich ein Prozess stattfand. Ich nahm das Hochgebirge plötzlich nicht mehr nur körperlich wahr, sondern visuell. Dies war die Geburtstunde von 'Peak Art' ('Peak', englisch für Gipfel). 'Peak Art' ist erlebte Bergfotografie, die nicht aus dem Helikopter heraus entsteht. Ich durfte erste Ausstellungen realisieren, die Presse wurde aufmerksam. Mittlerweile habe ich mir einen kleinen Kreis von Sammlern aufgebaut und stelle meine Bilder noch bis Ende Sommer in Zermatt im Parkhotel Beau Site aus.


Gute Bilder entstehen durch fühlendes Sehen



Welche Botschaft willst du vermitteln?

Meine Bilder sind eine Hommage an die schönsten Wolkenkratzer der Welt. Ich nehme die Betrachter mit auf eine Reise in den Festsaal der Alpen. Nicht jeder hat die Möglichkeit, auf dem weltbekannten Eiger zu stehen und hinab in die Nordwand zu blicken. Über die schmale Himmelsleiter des Biancograts zu laufen oder einen Sonnenaufgang auf dem 4848 Meter hohen Mont Blanc zu erleben. Ich lasse sie diese Momente durch meine Augen sehen. Der künstlerische Anspruch ist mir wichtig. Es gibt tausende guter Bergfotografen, da sollte man sich schon abheben. Ich lasse mich auf meinen Touren durchs Hochgebirge intuitiv auf die Landschaft ein, werde eins mit ihr. Mich fasziniert das Wechselspiel zwischen Hell und Dunkel, Dramatik und Harmonie, Ruhe und Bewegung, Fotografie und Kunst. Gute Bilder entstehen durch fühlendes Sehen. Ihre Sprache ist universell, geht über das Sichtbare hinaus.

Hast du vorher schon fotografiert?

Im Keller meines Vaters lagern Millionen Fotos und Super8-Filme: Ich komme aus einer Hobby-Fotografen-Familie und unsere Dia-Abende waren das sonntägliche Highlight. Schon als Kind experimentierte ich mit der alten Kamera meines Vaters, es war eine Leica in einem brauen Lederetui. Noch heute bekomme ich Hühnerhaut, wenn ich diese Retro-Kameras sehe, die ich schon als Kind in Händen hielt. Ich fotografierte alles, entwickelte während dem Studium an der Uni Zürich in der Dunkelkammer Bilder von meinen ersten Reisen nach Moskau und New York, Zürich und der Schweiz. Ich habe ein gutes Auge, kann die Geschichte sehen. Warum ich Journalistin und nicht Fotografin geworden bin, ist mir heute ein Rätsel. Und doch macht es Sinn: die Beschäftigung mit Sprache ist mein Lebensinhalt. Ohne Lesen und Schreiben könnte ich nicht sein.


Ich recherchiere den für mich idealen Standort und ziehe in der Nacht mit der Stirnlampe los


Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Es ist mein Ziel, auf luftigen Graten und in steilen Felswänden die Seele, den Zauber, das Herz der Alpenwelt einzufangen. Viele meiner Fotoarbeiten sind hyperrealistisch, bizarr, dramatisch. Ich mag es, wenn Wolken den Himmel verdunkeln. In letzter Zeit fotografiere ich aber auch Sonnenaufgänge. Ich recherchiere den für mich idealen Standort und ziehe in der Nacht mit der Stirnlampe los. Das Glühen der Alpen, wenn die ersten Sonnenstrahlen den dunklen Fels küssen, ist jede Mal ein erhabener Moment und ein Spektakel, das das Herz erwärmt.

Was treibt dich an?

Das Spirituelle, das Mystische? Die Langsamkeit, die Entschleunigung? Die Schönheit, das Erhabene? Ich weiss es nicht. Meine Kompositionen zwischen Himmel und Erde zeigen die Macht der Berge, ohne erdrückend zu wirken. Ich möchte eine Sinnlichkeit vermitteln. Manchmal binde ich Alpinisten mit ein. Der Mensch im Einklang mit der Natur, David gegen Goliath. Wenn wir schon lange nicht mehr sind – die Berge werden bleiben.

Wie ist deine Herangehensweise an ein neues Werk?

Im Gegensatz zu einem Maler, der seine Tableau aus der Fantasie kreiert, sind meine Fotografien ein Abbild der Wirklichkeit. Die Motive ergeben sich zufällig. Nichts lässt sich planen, auch wenn ich das Bild im Kopf mit herum trage. Trotzdem muss ich jedes Mal meine Komfortzone verlassen, ohne Garantie auf Erfolg. Die kurzen Nächte in den Hütten, die Kälte, die Gefahren, die Erschöpfung: Hochtouren sind kein Zuckerschlecken. Doch das Knirschen des Schnees unter meinen Füssen, das funkelnde Sternenzelt über mir – all das entschädigt mich für die Strapazen. Zum Glück kann ich mich auf meinen Instinkt verlassen, spüre meistens schon wenn ich loslaufe, ob das was wird oder nicht.

Der Mensch im Einklang mit der Natur, David gegen Goliath. Wenn wir schon lange nicht mehr sind –
die Berge werden bleiben



Wo holst du dir die Inspirationen? 

Die Berge sind meine Inspiration. Jede Tour, die ich mit meinem Freund Michael Bösiger, der die Firma Tatonka in der Schweiz leitet und in der Freizeit als Bergführer unterwegs ist, dient als Quelle der Inspiration. Wir bilden jetzt schon seit vier Jahren eine Seilschaft, die uns nicht nur in den Bergen, sondern weit darüber hinaus verbindet. Gemeinsam entdecken wir neue Orte und längst ist nicht mehr nur der Gipfel das Ziel! Peak Art geht auch in die Tiefe: Höhlen, Flüsse, Wälder, Canyons, die Geheimnisse am Meeresgrund – all das steht für die Schönheit unseres Planeten und ist mittlerweile Teil meines Foto-Projektes.

Definiere den Begriff ‘Kunst’. Was ist Kunst?

Mein Job als Kulturjournalistin bei der Schweizer Illustrierte ermöglicht mir seit 25 Jahren spannende Begegnungen mit Sammlern, Architekten, Malern, Bildhauern. Die selbe Frage stellte ich schon Ernst Beyeler, Jaques Herzog, Ai Weiwei oder Pipilotti Rist und erhielt jedes Mal eine vollständig andere Antwort auf diese Frage. Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Für mich ist Kunst Können, gepaart mit Leidenschaft: egal, ob du den Auslöser einer Kamera drückst, ein Bild malst oder eine Skulptur in Bronze giessen lässt: jeder Schritt, vom ersten Gedanken bis zur finalen Präsentation, ist Kunst. Man steckt während des ganzen Prozesses seine Seele rein, sein ganzes Können. Kunstwerke, die qualitativ herausragend sind, haben für mich immer eine Linie, einen roten Faden. Sie überzeugen durch Reduktion, Eleganz, Klarheit.

Was bedeutet dir ‘Kreativität’?

Kreativität ist Machen. Für mein jüngstes Fotoprojekt „Hommage an Hodler“ besuche ich Original-Schauplätze in der ganzen Schweiz, an denen Ferdinand Hodler seine Ikonenbilder schuf. Ich transportiere seine Sujets in die Neuzeit – als Fotografie.

Wann ist ein Mensch ein Künstler?

Kunst ist so vielseitig, wie wir Menschen. Ob eingängig, populär, gefällig oder abgehoben, teuer, elitär: der stille Bauernmaler im Appenzell ist für mich genauso ein Künstler, wie der umschwärmte und millionenschwere Maler aus New York. Wer allerdings keine Plattform findet, verkümmert: Erst der Erfolg macht einen Künstler zu einer messbaren Grösse. Dieser Teil wird gerne unterschätzt. Es kostet viel mehr Energie und Mut, für seine eigene Kunst einzustehen, über sich hinaus zu wachsen, seine Schüchternheit zu überwinden, Partner zu finden, aus der Masse herauszustechen und dauerhaft oben zu bleiben, als im Kämmerlein zu hocken und abzuwarten, bis man entdeckt wird. Vielleicht ist gerade das die grösste Kunst. Glück spielt natürlich auch eine Rolle.

Erst der Erfolg macht einen Künstler zu einer
messbaren Grösse


Was bedeutet Glück für dich?

Glück ist flüchtig, wie eine Seifenblase. Es blendet dich und zerspringt wieder. Niemand kann dauerhaft glücklich sein. Zufriedenheit trifft es schon eher.

Und wie definierst du den Umstand von Unglück?

Unglück ist ein hässliches Wort, es bedeutet Zäsur und dass das Leben danach nicht mehr so ist, wie es vorher war. Ich zum Beispiel habe eher das Gefühl, dass ich ziemlich oft Pech habe, weil dieses und jenes falsch läuft. Lauter Kleinigkeiten, die mich nerven.

Was wäre, wenn du, aus irgendwelchen Umständen, dein gewohntes Setting verlieren würdest. Was wäre deine Überlebensstrategie?

Wieder von vorne anfangen, vielleicht eine Stufe tiefer? Der Weg in die Kunst wäre eine spannende Überlebensstrategie. Ob Verlust von finanziellen Mitteln, eines geliebten Menschen, des Arbeitsplatzes – das Leben geht weiter. Nur wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht, beginnt ein Kampf mit ungewissem Ausgang. Doch auch dieses Schicksal müssen wir annehmen. Obschon – wir müssen gar nichts, nur sterben!

 Ich mag es rassig, bin gerne schnell unterwegs


Es wird oft davon gesprochen, wie man das Leben entspannter angehen sollte. Was ist deine Definition von Entspannung?

Warum sollte ich mein Leben plötzlich entspannt angehen? Es hätte etwas erzwungenes. Ich mag es rassig, bin gerne schnell unterwegs. Doch das ist mein Charakter. Ich will die Zeit auskosten, die mir auf Erden geschenkt wurde. Es ist schön, Erfolg zu habe, im Leben vorwärts zu komme, nicht stehen zu bleiben. Natürlich muss man runter fahren, körperlich und geistig. Das ist gerade in der heutigen, multimedialen, hektischen Zeit überlebenswichtig.

Ist ‘künstlerisch tätig sein’, lebensnotwendig für dich?

Nein. Mein Leben wäre auch so bereichernd. Ich bin hauptberuflich Journalistin. Die Fotografie ist „the Cherry on the Top“. Die Bergfotografie würde mich nicht ausfüllen. Sie ist eine faszinierende Freizeitbeschäftigung – die schönste der Welt!

Kinder, Haus, Pool – dieser Zug ist abgefahren



Was möchtest du unbedingt noch erleben in diesem Leben?

Kinder, Haus, Pool – dieser Zug ist abgefahren. Genauso wie der Mount Everest. Ansonsten habe ich viele verrückten Dinge gemacht, kann entspannt in die Zukunft blicken. Ich möchte weiterhin in die Bergwelt eintauchen, mich von ihr verzaubern lassen. Da ich gerne Reise, habe ich eine Bucketlist aufgestellt. Letztes Jahr war ich im Grand Canyon. Man hat so ein abgelutschtes Bild im Kopf. Als ich mit der Kamera in der Hand am South Rim den Sonnuntergang einfing, war ich dermassen überwältigt, dass mir die Tränen kamen. Diese Weite, diese Tief. Peak Art at its best! Im Februar war ich mit meinem Partner im Dschungel von Laos, danach reisten wir nach Kambodscha. Seit ich ein Kind bin, träume ich von Ankor Wat. Alle Freunde rieten mir ab. Du wirst enttäuscht sein, zu viele Touristen! Das Gegenteil war der Fall: Es war eines der tiefsten Erlebnisse. Als nächstes plane ich eine Expedition zu den Orang Utans in Ruanda.

Was ist dein Rat an Menschen, die ihr Leben neu ausrichten wollen?

Just do it!

Das Interview fand im Restaurant Portofino in Thalwil statt.



1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für das Interview! Sehr spannend zu lesen. Was mich vor allem fasziniert, ist die Tatsache, dass ein Mensch auf vielen Facetten besteht und es absolut inspirierend ist, wenn man daran teilhaben kann!

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Thank you for your comment! Danke für deinen Beitrag!